17. Deutscher Controlling Congress 18. April 2002
Back to Basics
Unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Reichmann, Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensrechnung und Controlling an der Universität Dortmund und geschäftsführender Gesellschafter der Controlling Innovations Center (CIC) GmbH & Co. KG, fand in diesem Jahr zum 17. Mal der Deutsche Controlling Congress statt. Am 17. und 18. April tagten Referenten aus Wissenschaft und Praxis in Berlin, um in parallel laufenden Sequenzen interessante Vorträge zu aktuellen Controlling-Themen zu halten.
Der Congress stand dieses Jahr unter dem Leitthema Back to Basics, oder anders gesagt: Wie können bewährte Instrumente noch besser genutzt werden bzw. wie kann neuen Marktanforderungen wie Basel II im Hinblick auf die Refinanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen mit bewährten Instrumenten entsprochen werden. Im Vordergrund dieses Congresses stand die effiziente Ausgestaltung und Nutzung bewährter Controllinginstrumente.
Im ersten Vortrag, welcher bereits am Abend des 17. April gehalten wurde, legte Prof. Dr. Rolf Bühner, Universität Passau, den Schwerpunkt auf "Neue Entwicklungen in der Mitarbeiterführung und -motivation". Er zeigte die strategischen Führungselemente und deren Umsetzung über den sog. Leader, sowie die Implementierung dieser in die Führungsscorecard.
Der zweite Congress-Tag begann mit dem Hauptvortrag "Wirtschaftsentwicklung 2002 – Konzeptionslos in die Zukunft?" von Dr. Günter Rexrodt, Mitglied des deutschen Bundestages, Bundesminister für Wirtschaft a. D. Er stellte heraus, dass Deutschland Schlusslicht in der europäischen Entwicklung sei, was jedoch nicht nur mit der Weltwirtschaftskrise und der Unsicherheit durch die Wahlen in Frankreich und Deutschland oder etwa dem 11. September zu begründen sei. Deutschland brauche umgehend Reformen, um die notwendige Flexibilität zu erreichen. Die Steuerreform sei hier jedoch im internationalen Vergleich zu kompliziert und führe zur Ungleichbehandlung großer und kleiner Unternehmen. Im Mittelstand sei ein Attentismus im Investitionsverhalten zu beobachten, was als Hauptgrund für die schlechte wirtschaftliche Lage in Deutschland einzustufen sei. Des Weiteren führten auch Versäumnisse bei der Gesundheitsreform zu Defiziten. Zu fordern sei die verschärfte Sanktionierung von Sozialmissbräuchen, die Flexibilisierung des Arbeitsrechts, sowie die Differenzierung statt einer Nivellierung im Bildungssystem. Das ersehnte Wachstum werde in 2002 kommen, jedoch nur moderat und nicht in dem Ausmaß, das es haben könnte.
Im Anschluss daran folgten parallele Sequenzen. Die Sequenz A "Kosten senken durch Kostenmanagement" wurde moderiert von Prof. Dr. Carl-Christian Freidank, Universität Hamburg. In seinem Vortrag "Möglichkeiten einer marktorientierten Steuerung mit Hilfe des modernen Kostenmanagements" wurde die wertorientierte Unternehmensführung und das Kostenmanagement, das Target Costing als universelles Planungs- und Steuerungskonzept, sowie Methoden des Kostenmanagements, u.a. das Prozesskostenmanagement vorgestellt. Im Ergebnis stellen alle dargestellten Konzepte des Kostenmanagements Instrumente des Erfolgs-Controlling dar, die zum Zwecke einer zielgerichteten Unternehmenssteuerung aufeinander abzustimmen seien.
Daraufhin referierte Dr. Stefan Maus, Dynamit Nobel Kunststoff GmbH, über die "Strategiekonforme Kostenrechnung". Im Fokus seines Vortrags stand die Problemstellung, durch welche Informationen operative Entscheidungen strategiekonform gesteuert werden könnten. Sollten diese operativen Entscheidungen der Strategie angepasst sein, müsse zunächst eine strategiekonforme Kostenrechnung zeitliche Opportunitätskosten approximieren.
Der diese Sequenz beendende Beitrag "Kostenmanagement bei wechselnder Beschäftigung" wurde von Matthias Sure, KPMG München, gehalten. Schwerpunkt dieses Beitrages war die konsequente Steuerung durch prozessgetriebene Ressourcen- und Performanceanalysen. Das Activity-Based-Management stelle hierbei einen funktionsübergreifenden Ansatz für ein wirksames und transparentes Kostenmanagement dar, wobei die Einbettung alter Instrumente in den Shareholder Value Ansatz Berücksichtigung finden sollten.
Die Moderation der parallel laufenden Sequenz zum Thema "Personal-Controlling & Personalmanagement" übernahm Prof. Dr. Rainer Marr von der Universität der Bundeswehr München. In seinem Beitrag "Personalwirtschaft zwischen Marktorientierung und Kostenmanagement" ging er zunächst auf das gängige Rechnungswesen ein, bei dem der einzelne Mitarbeiter kaum Beachtung finde. Notwendig sei ein Zusammenschluss der Bereiche Personal und Controlling. Um den Eigentümerwert zu steigern brauche man motivierte und gut bezahlte Mitarbeiter, zufriedene Kunden und Lieferanten sowie Kreditgeber. Neuer Schwerpunkt des Market Value sei das intellectual capital, da jede Leistung vom einzelnen Mitarbeiter ausgehe.
Im Anschluss daran zeigte Frau Christiane Brockmann, HR Generalist bei der W.L. Gore & Associates GmbH die praktische Ausgestaltung der Zusammenarbeit von Controllern und Personalern. Ihr Vortrag "Human Resources & Controlling: Partner oder Gegner?" stellte die Beobachtung in den Vordergrund, dass die tendenziell langfristige Denkweise der Personaler und die vermeintlich kurzfristige Sicht der Controller oftmals zu Kontroversen führe. Es fehle dem Personal oft an effizientem Personal-Controlling. Controller und Personaler seien gleichsam der Katalysator im Problemlösungsprozess. Die Gore-Kultur zeichne sich durch 4 Grundprinzipien aus: Fairness, Freedom, Commitment und das "waterline"-Prinzip. Darunter sei eine Amöbenstruktur bzw. ein starkes Ineinandergreifen verschiedener Organisationsformen zu verstehen, was neben ausgeprägter Kommunikation und Diskussion auch Entscheidungen auf lediglich einer Hierarchieebene bedeute.
Zum Abschluss dieser Sequenz referierte Kai-Uwe Weitz, Babcock Borsig AG, mit dem Vortrag "Transfergesellschaft – Neue Möglichkeiten zur Beschäftigungsanpassung" über die Beschäftigungsanpassung mit Hilfe einer Transfergesellschaft, die weitgehend zum Ausgleich der konträren Interessen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer führe. Dem Unternehmen werde die Möglichkeit gegeben kurzfristig, gezielt und mit voller Kostenkontrolle auf Beschäftigungsschwankungen zu reagieren.
Die dritte Vormittagssequenz mit dem Thema "Controlling mit Kennzahlen und Managementberichten" eröffnete Prof. Dr. Thomas Reichmann, Universität Dortmund. Weder der 11. September noch der 22. September 2002 werden die Bedeutungszunahme von Controllingkonzepten in der Unternehmenspraxis mindern. Alle in einem Unternehmen entstehenden Informationen und Daten müssen dem Controlling zufließen und seien sodann in einem Data Warehouse als integrierte Informationskonzeption zur Verfügung zu stellen. Aufgabe des Controllers sei es, die für wichtig erachteten Informationen von allen Entscheidungsebenen abzurufen, zentral zu verarbeiten und in gewünschter Verdichtungsstufe an die Entscheidungsträger weiterzugeben.
Die "Konzeption und Umsetzung des Controlling bei der mg technologies ag" wurde von Tobias Andreae, mg technologies ag, vorgestellt. Das integrierte Controlling-Konzept bei mg beinhalte im Wesentlichen neben der Organisation des Controlling über die Konzernhierarchie und dem Beitrag jeder SGE zur Wertschaffung des Konzerns auch die Berücksichtigung wesentlicher Erfolgs- und Risikotreiber, die Abbildung der Ertrags- und Finanzkraft und die Berücksichtigung von Frühwarnindikatoren.
Anja Baschin, PSI AG, referierte schließlich über die "Steuerung der Wertschöpfung von IT-Service Centern mit der Balanced Scorecard". Im Fokus des Vortrags stand der Wandel des IT-Service-Centers von einer rein unterstützenden Serviceeinheit hin zu einer Organisationseinheit, aus welcher Markt- und Wachstumspotenziale für das gesamte Unternehmen erwachsen. Neben dem Aufbau einer IT-Balanced Scorecard wurden die konkreten Ziele für das IT-Service-Center aufgezeigt.
Den zweiten Hauptvortrag des Tages "Investitionssicherung in Großprojekten – Technologiegestaltung & Controlling" hielt Ali Saghati, Vorstandsmitglied der PSI AG, welcher die Vertretung für Herrn Dietrich Jaeschke übernahm. Da Großprojekte hohe Investitionen von Seiten eines Unternehmens fordern, stellte Herr Saghati Projektsteuerungsmechanismen zur Sicherung der Investitionen, wie u.a. dass Vertrags- und Meilensteinmanagement sowie das Risikomanagement, dar.
Die Abrundung des Vormittags erfolgte durch die Preisverleihung der Gesellschaft für Controlling e.V. Prof. Dr. Reichmann überreichte den diesjährigen GfC-Förderpreis an Dr. Dirk Nölken, Westfalen-Informatik AG, und Dipl.-Kfm. Thomas Burgartz, Lehrstuhl für Unternehmensrechnung und Controlling, Universität Dortmund.
Die Nachmittagssequenz mit dem Thema "Basel II: Rating für den Mittelstand – Herausforderungen für das Controlling" wurde von Prof. Dr. Stephan Paul moderiert. In seinem Vortrag "Rating: Herausforderungen für Kreditinstitute und Unternehmen" wurde die in Zukunft um sich greifende Bedeutung von Basel II deutlich. Während es zur Zeit noch keinen Anlass gebe, die Kreditversorgung gefährdet zu sehen, müssen Unternehmen mit ungünstiger Bonität bzw. Unternehmen, die keine angemessene Transparenz hinsichtlich ihrer Finanzlage herstellen, künftig mit vergleichsweise nachteiligen Kreditkonditionen rechnen. Anzustreben sei eine "Vorwärtsstrategie" mit dem Ziel einer stabilisierenden Finanzierungsarchitektur.
Im Rahmen des Vortrags "Externes Rating für den Mittelstand" zeigt Dr. Helmut Rödl, Verband der Vereine Credtireform e.V., wie wichtig es für den Mittelstand sei, die Präsentation der eigenen Bonität bereits heute als betriebswirtschaftliche Herausforderung zu begreifen und mit der eigenen Bank zu kommunizieren.
Schließlich verdeutlichte Markus Guhl, Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Wirtschaftlicher Mittelstand e.V., mit seinem Vortrag zum Thema "Konsequenzen für den Mittelstand durch Basel II", welche Auswirkungen durch Basel II eintreten könnten. Einerseits seien positive Auswirkungen auf die Unternehmen durch eine durchdachtere und transparentere Geschäftsführung zu erwarten. Andererseits könne Basel II das Ende der mittelständischen Strukturen in der deutschen Wirtschaft bedeuten, so lange nicht das den Mittelstand betreffende Regelwerk entsprechende Modifikationen erfahre.
Die Leitung der Sequenz "Logistik-Controlling" übernahm Prof. Dr. Egon Jehle, Universität Dortmund. In seinem Vortrag "Supply Chain Controlling mit Basics" stellte er die enorme Bedeutung der Netzwerkstrategie für die Steigerung der Wettbewerbsintensität dar. Bereits bekannte Instrumente des Controlling, wie z.B. Kennzahlensysteme, Optimierungsmethoden seien im Supply Chain-Controlling modifiziert anwendbar.
Gunnar Fecken, OTTO Versand, erläuterte die "Instrumente zur Messung der Lieferpünktlichkeit und -zeit dargestellt am Bsp. von Importware beim OTTO Versand". Die Lieferpünktlichkeit und -zeit seien von hoher Bedeutung für den Versandhandel. Die Optimierung der Kooperation mit den Lieferanten und die ausreichende Berücksichtigung der Zeitkomponente erfordere in diesem Zusammenhang die Konsolidierung der Daten sowie eine insgesamt erhöhte Datentransparenz.
Zum Abschluss referierten Dr. Dirk Nölken, Westfalen-Informatik AG, und Markus Holtkötter, Siemens VDO Automotive AG, über das "Qualitätscontrolling von Logistikprozessen". Ziel eines Qualitätscontrolling sei die laufende Wirtschaftlichkeitskontrolle übergreifender Logistikobjekte, -prozesse und -strukturen. Dies wurde anhand eines Umsetzungsbeispiels – die Implementierung des Qualitätsinformationssystems im Intranet bei der Siemens VDO Automotiv AG – illustriert.
Die Moderation der dritten parallel laufenden Nachmittagssequenz erfolgte durch Klaus Wienhold, NORDWEST Handel AG. In seinem Beitrag "Management & Controlling: Die häufigsten Fehler bei der Projektorganisation" zeigte Herr Wienhold auf, dass die Projektüberwachung mit Controlling die zunehmenden Risiken in IT-Projekten minimiere. Hierbei wurde auf die häufigsten Fehler bei Projektorganisationen eingegangen und auf einschlägige Gegenmaßnahmen verwiesen.
Im Workshop "Controlling und Revision der Managementprozesse großer IT-Projekte – Erfahrungen, Thesen, Empfehlungen" welcher unter der Leitung von Dr. Ulrich Dyllong und Johannes Rasche, PSI AG, stattfand, wurden den Teilnehmern die Ursachen für das Fehlschlagen großer Projekte dargestellt. Auf Basis der Erfahrungen der Workshop-Leiter als externe Controller und Revisoren in Großprojekten wurden Thesen für das erfolgreiche Controlling der Managementprozesse aufgestellt, mit den Teilnehmern anonymisierter Projekte erläutert und in Empfehlungen umgesetzt.
Auch in diesem Jahr gelang es Herrn Prof. Dr. Thomas Reichmann erneut, mit interessanten Referenten aus Wissenschaft und Praxis zahlreiche Kongressteilnehmer zu begeistern, so dass man wieder auf den nächsten Kongress gespannt sein darf.

